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Montanari, Umberto

Nachname: Montanari
Vorname(n): Umberto
Geburtstag: 06.04.1896
Geburtsort: Montecchio, Prov. Reggio Emilia (Italien)
Wohnort(e): Montecchio
Religion: unbekannt
Haftort(e): "Italienerlager" der Hüttenwerke Siegerland, Werk Charlottenhütte, Niederschelden, Sandhalde
Todesdatum: 09.03.1945
Todesort: Niederschelden (heute Siegen-Niederschelden)
Biografie: Umberto Montanari wurde in Montecchio, Provinz Reggio Emilia, Italien, als Sohn der Eheleute Francesco und Olimpia Montanari geboren (die biografischen Angaben sind der in Siegen ausgestellten Sterbeurkunde entnommen). Montecchio war bereits in der Kaiserzeit ein Herkunftsort zahlreicher im Siegerland tätiger italienischer Saisonarbeiter. Umberto Montanari war mit Rosalia geb. Gualersi verheiratet und hatte einen Sohn, der Soldat in der deutschen Wehrmacht war. Er war als Arbeiter bei den Hüttenwerken Siegerland, Werk Charlottenhütte, in Niederschelden eingesetzt. Er galt als ruhiger, beliebter und fleißiger Mann. Nach dem Sturz des italienischen Diktators Mussolini und dem Austritt der Regierung Badoglio aus dem Bündnis mit dem NS-Regime verschlechterte sich die Situation der italienischen Arbeitskräfte in Deutschland. In der Gemeinde Niederschelden waren es circa 170 Personen. Montanari war mit anderen Italienern im Zwangsarbeiterlager der Charlottenhütte auf der Sandhalde untergebracht. Er war der "Vertrauensmann" der italienischen Arbeitskräfte.
Während die lokale Bevölkerung "das andere Zeug da oben im Lager als Gefangene" gleichmütig hingenommen habe - so 1943 der Ortschronist und Lehrer Wilhelm Faust - seien die "Badoglio-Italiener" "ausgesprochener Verachtung" begegnet. Faust berichtet, wie im Oktober 1943 ein Niederschelder Junge von einem der "von der Arbeit marschierenden Italiener" mit dem Kommentar "Badoglio gut" geohrfeigt wurde, weil er "Heil Duce" gerufen habe. Der Junge habe den Vorfall den Bewachern gemeldet, die den Italiener "mit dem Gummiknüppel zur Vernunft" gerufen habe.
 Während eines Fliegeralarms am 9. März 1945 hatte sich Umberto Montanari gegen 17 Uhr in der Gastwirtschaft Schnutz eine Flasche Bier gekauft. Vor der Wirtschaft wurde er von dem Kriminalsekretär Wilhelm Bültmann (38), der seit 1942 in der Außenstelle Siegen der Gestapo Dortmund als "Nachrichtenreferent" tätig war, angehalten. Auf den Hinweis der Frau des Gastwirts, dass die Bierflasche nicht gestohlen sei, sie aber ihren Mann fragen wolle, führte Bültmann, ohne die Antwort abzuwarten, Montanari hinter das Haus und tötete ihn in Anwesenheit zweier Hilfspolizisten mit einem Kopfschuss. Kommentar anschließend: "Der frisst keine fünf Teller Suppe mehr."
In den späteren Gerichtsverhandlungen behauptete Bültmann, in Notwehr gehandelt zu haben. Die Hilfspolizisten gaben jedoch an, dass er die Tat überlegt und kaltblütig begangen habe. 1950 wurde Bültmann wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit in Tateinheit mit Totschlag zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Er wurde bereits am 21. Dezember 1955 begnadigt und entlassen.
Es handelte sich um eins der auch im Siegerland und in Wittgenstein zahlreichen "Endphaseverbrechen", wie sie gegen die in einer Alltagsvorstellung besonders "minderwertigen" Zwangsarbeitkräfte gerichtet waren.
Die zwischen 1943-45 Getöteten oder Verstorbenen italienischer Herkunft wurden hier vor Ort beerdigt. 1953 erfolgte deren Exhumierung. Ihre sterblichen Überreste wurden sodann auf dem Cimiterio di Guerra Italiano in Frankfurt Westhausen beigesetzt.
 
Traute Fries, 2013; erg. Ulrich F. Opfermann, 2015
Fotoquelle: Archiv AMS
Quellenangabe: Christiaan F. Rüter/Dick W. de Mildt, Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung Deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen, Bd. VII, Lfd. Nr. 235; Stadtarchiv Siegen, Sgl., Nr. 393, Wilhelm Faust, Chronik der Gemeinde Niederschelden a. d. Sieg, 1942ff., handschriftl., Eintragungen Oktober 1943; Westfalenpost, 29.8.1950; Ulrich Opferman Heimat Fremde, „Ausländereinsatz“ im Siegerland, 1939 bis 1945, Siegen 1991, 106f., 147f.; http://akteureundtaeterimnsinsiegenundwittgenstein.blogsport.de/a-bis-z/gesamtverzeichnis/#bueltmann; Stadtarchiv Siegen, C. Sterbebuch, Standesamt Eiserfeld 1945, Bd. 2, Nr. 96-437, hier: Nr. 108
Verlegedatum Stolperstein: 24.06.2013
Verlegeort Stolperstein: Siegtalstraße 118, Siegen-Niederschelden
Siegtalstraße 118, Siegen-Niederschelden